Eingestellt am: 24.10.2010
USA duldeten Folter im Irak
Kategorie: Anklage gegen
Häftlinge wurden geschlagen und ausgepeitscht; die US-Soldaten haben das meist ignoriert. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat knapp 400.000 geheime Feldberichte zum Irak-Krieg veröffentlicht. Jetzt tobt der Krieg um die Deutung der Dokumente.
Schilderungen in Hunderten, von der Internetplattform Wikileaks veröffentlichten Berichten deuten darauf hin, dass Folter keine Ausnahme war, schreibt die New York Times. Einige der Folter-Fälle seien von den Amerikanern untersucht worden, die meisten allerdings scheinen ignoriert worden zu sein - «mit einem institutionellen Schulterzucken: Soldaten erstatteten Bericht und baten die Iraker, eine Untersuchung einzuleiten».
Nach Angaben eines Pentagon-Sprechers sei die amerikanische Haltung zum Missbrauch von Gefangenen stets in Übereinstimmung mit dem Gesetz und der internationalen Praxis gewesen: Begehen Iraker die Tat, sind die irakischen Behörden auch für die Ermittlungen zuständig.
Die New York Times spricht von einem «beängstigenden Porträt der Gewalt» durch die Dokumente. In einem Fall verdächtigten US-Soldaten irakische Offiziere, einem Gefangenen die Finger abgeschnitten und ihn anschließend mit Säure verätzt zu haben. Daneben wurde aktenkundig, wie gefesselte Häftlinge exekutiert wurden.
Selbst wenn die Amerikaner Fälle von Missbrauch aufdeckten und berichteten, hätten die Iraker oft einfach nicht reagiert, schreibt die Zeitung weiter. In einem Bericht ist die Rede von einem irakischen Polizeichef, der eine Anklage gegen seine Beamten mit der Begründung ablehnte, der Gefangene zeige noch keine Wundmale. Ein anderer irakischer Vorgesetzter habe US-Ermittlern gegenüber ganz offen Folter «als Methode in den Ermittlungen befürwortet».
US-Soldaten haben sich Angst der Iraker zunutze gemacht
Die amerikanischen Streitkräfte hätten sich manchmal aber auch die Angst der Iraker vor den eigenen Sicherheitskräften zunutze gemacht. Dabei hätten sie Gefangenen gedroht, sie beispielsweise an die gefürchtete und brutale irakische Polizeieinheit «Wolfbrigade» zu überstellen, um an Informationen zu kommen.
Die schlimmsten Fälle von Missbrauch und Folter hätten sich in den späteren Kriegsjahren ereignet. Nachdem ein irakisches Polizeikommando den Selbstmord eines Gefangenen zu Protokoll gegeben hatte, brachte eine Autopsie unter US-Aufsicht ans Licht, dass «der Häftling Quetschungen und Verbrennungen am Körper hatte, wie auch sichtbare Verletzungen am Kopf, Arm, Oberkörper, Beinen und Hals». Im offiziellen US-Bericht ist derweil vermerkt, dass die irakische Polizei «angeblich mit einer Untersuchung begonnen hat».
Es habe aber auch Fälle gegeben, in denen die Amerikaner entschlossen eingriffen: So hätten sie bei einem Besuch bei einer Polizeieinheit zwei ausgetrocknete Häftlinge mit zahlreichen blauen Flecken entdeckt, nachdem sie Schreie hörten. Die Gefangenen wurden dann aus irakischem Gewahrsam geholt. In einem anderen Fall stoppte ein US-Soldat einen Iraker, der in einer Militärpolizei-Station mit einem Elektrokabel die Fußsohlen eines Häftlings peitschte.
Täglich 31 tote Zivilisten
Es ist die größte Enthüllungsaktion der US-Militärgeschichte: Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat fast 400.000 geheime Militärdokumente über den Irakkrieg internationalen Medien zugespielt - neben der New York Times auch dem deutschen Spiegel und dem britischen Guardian.
Die Dokument belegen laut Wikileaks, dass mehr als 60 Prozent der im sechsjährigen Irakkrieg getöteten Menschen Zivilisten waren. Den veröffentlichten 391.832 geheimen Feldberichten von US-Soldaten zufolge starben in der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009 insgesamt 104.111 Menschen, darunter 66.081 Zivilisten. Demnach fielen dem Krieg im Berichtszeitraum, wobei für Mai 2004 und März 2009 keine Zahlen vorliegen, täglich 31 Menschen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer.
Empörte US-Regierung
Die US-Regierung und das Pentagon reagieren empört. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, die Veröffentlichung gefährde Leben, erklärte sie. Die nationale Sicherheit der USA und die ihrer Verbündeten seien bedroht. Ähnlich heftig die Antwort des US-Verteidigungsministeriums: «Indem solch sensiblen Dokumente zugänglich gemacht werden, setzt Wikileaks weiter das Leben unserer Soldaten, unserer Verbündeten, und von Irakern und Afghanen aufs Spiel, die für uns arbeiten».
Wikileaks-Gründer Julian Assange hat nun die Veröffentlichung verteidigt. Die Dokumente offenbarten klare Beweise für Kriegsverbrechen, sagte Assange auf einer Pressekonferenz in London. Sie seien zudem redaktionell so bearbeitet, dass niemand gefährdet werde.
Mit dem Material gegen Behörden vorgehen
Der britische Menschenrechtsanwalt Phil Shiner will das Material nutzen, um rechtlich gegen die britischen Behörden vorzugehen. Er wolle eine öffentliche Untersuchung in Großbritannien erreichen. Die britische Beteiligung am Irak-Krieg ist auf der Insel ausgesprochen umstritten. Der damalige Premierminister Tony Blair hatte unverbrüchlich zu den USA gestanden.
er Irak-Krieg begann im März 2003 mit der Invasion der USA, Großbritanniens und verbündeter Staaten. Deutschland, Frankreich und Russland stellten sich gegen die sogenannte Koalition der Willigen. Die Invasion erfolgte ohne Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat. US-Präsidenten Barack Obama erklärte den Krieg am 31. August 2010 für offiziell beendet.
Fotos: dpa
Schilderungen in Hunderten, von der Internetplattform Wikileaks veröffentlichten Berichten deuten darauf hin, dass Folter keine Ausnahme war, schreibt die New York Times. Einige der Folter-Fälle seien von den Amerikanern untersucht worden, die meisten allerdings scheinen ignoriert worden zu sein - «mit einem institutionellen Schulterzucken: Soldaten erstatteten Bericht und baten die Iraker, eine Untersuchung einzuleiten».
Nach Angaben eines Pentagon-Sprechers sei die amerikanische Haltung zum Missbrauch von Gefangenen stets in Übereinstimmung mit dem Gesetz und der internationalen Praxis gewesen: Begehen Iraker die Tat, sind die irakischen Behörden auch für die Ermittlungen zuständig.
Die New York Times spricht von einem «beängstigenden Porträt der Gewalt» durch die Dokumente. In einem Fall verdächtigten US-Soldaten irakische Offiziere, einem Gefangenen die Finger abgeschnitten und ihn anschließend mit Säure verätzt zu haben. Daneben wurde aktenkundig, wie gefesselte Häftlinge exekutiert wurden.
Selbst wenn die Amerikaner Fälle von Missbrauch aufdeckten und berichteten, hätten die Iraker oft einfach nicht reagiert, schreibt die Zeitung weiter. In einem Bericht ist die Rede von einem irakischen Polizeichef, der eine Anklage gegen seine Beamten mit der Begründung ablehnte, der Gefangene zeige noch keine Wundmale. Ein anderer irakischer Vorgesetzter habe US-Ermittlern gegenüber ganz offen Folter «als Methode in den Ermittlungen befürwortet».
US-Soldaten haben sich Angst der Iraker zunutze gemacht
Die amerikanischen Streitkräfte hätten sich manchmal aber auch die Angst der Iraker vor den eigenen Sicherheitskräften zunutze gemacht. Dabei hätten sie Gefangenen gedroht, sie beispielsweise an die gefürchtete und brutale irakische Polizeieinheit «Wolfbrigade» zu überstellen, um an Informationen zu kommen.
Die schlimmsten Fälle von Missbrauch und Folter hätten sich in den späteren Kriegsjahren ereignet. Nachdem ein irakisches Polizeikommando den Selbstmord eines Gefangenen zu Protokoll gegeben hatte, brachte eine Autopsie unter US-Aufsicht ans Licht, dass «der Häftling Quetschungen und Verbrennungen am Körper hatte, wie auch sichtbare Verletzungen am Kopf, Arm, Oberkörper, Beinen und Hals». Im offiziellen US-Bericht ist derweil vermerkt, dass die irakische Polizei «angeblich mit einer Untersuchung begonnen hat».
Es habe aber auch Fälle gegeben, in denen die Amerikaner entschlossen eingriffen: So hätten sie bei einem Besuch bei einer Polizeieinheit zwei ausgetrocknete Häftlinge mit zahlreichen blauen Flecken entdeckt, nachdem sie Schreie hörten. Die Gefangenen wurden dann aus irakischem Gewahrsam geholt. In einem anderen Fall stoppte ein US-Soldat einen Iraker, der in einer Militärpolizei-Station mit einem Elektrokabel die Fußsohlen eines Häftlings peitschte.
Täglich 31 tote Zivilisten
Es ist die größte Enthüllungsaktion der US-Militärgeschichte: Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat fast 400.000 geheime Militärdokumente über den Irakkrieg internationalen Medien zugespielt - neben der New York Times auch dem deutschen Spiegel und dem britischen Guardian.
Die Dokument belegen laut Wikileaks, dass mehr als 60 Prozent der im sechsjährigen Irakkrieg getöteten Menschen Zivilisten waren. Den veröffentlichten 391.832 geheimen Feldberichten von US-Soldaten zufolge starben in der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009 insgesamt 104.111 Menschen, darunter 66.081 Zivilisten. Demnach fielen dem Krieg im Berichtszeitraum, wobei für Mai 2004 und März 2009 keine Zahlen vorliegen, täglich 31 Menschen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer.
Empörte US-Regierung
Die US-Regierung und das Pentagon reagieren empört. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, die Veröffentlichung gefährde Leben, erklärte sie. Die nationale Sicherheit der USA und die ihrer Verbündeten seien bedroht. Ähnlich heftig die Antwort des US-Verteidigungsministeriums: «Indem solch sensiblen Dokumente zugänglich gemacht werden, setzt Wikileaks weiter das Leben unserer Soldaten, unserer Verbündeten, und von Irakern und Afghanen aufs Spiel, die für uns arbeiten».
Wikileaks-Gründer Julian Assange hat nun die Veröffentlichung verteidigt. Die Dokumente offenbarten klare Beweise für Kriegsverbrechen, sagte Assange auf einer Pressekonferenz in London. Sie seien zudem redaktionell so bearbeitet, dass niemand gefährdet werde.
Mit dem Material gegen Behörden vorgehen
Der britische Menschenrechtsanwalt Phil Shiner will das Material nutzen, um rechtlich gegen die britischen Behörden vorzugehen. Er wolle eine öffentliche Untersuchung in Großbritannien erreichen. Die britische Beteiligung am Irak-Krieg ist auf der Insel ausgesprochen umstritten. Der damalige Premierminister Tony Blair hatte unverbrüchlich zu den USA gestanden.
er Irak-Krieg begann im März 2003 mit der Invasion der USA, Großbritanniens und verbündeter Staaten. Deutschland, Frankreich und Russland stellten sich gegen die sogenannte Koalition der Willigen. Die Invasion erfolgte ohne Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat. US-Präsidenten Barack Obama erklärte den Krieg am 31. August 2010 für offiziell beendet.
Fotos: dpa
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